18 Millionen Tonnen – zu gut für die Tonne!

Können Sie sich eine Tonne vorstellen? Eine Tonne als Gewichtseinheit wohlgemerkt. Eine abstrakte Zahl, wie alle Längen-, Gewichts- oder Zeiteinheiten, die nicht greifbar und daher weniger einprägsam sind als konkrete, gegenständliche Dinge. Hilfreich sind zur Einordnung abstrakter Größen gedankliche Bilder, mit denen man arbeiten kann. Da lese ich heute Früh von 18 Millionen Tonnen Lebensmitteln, die in Deutschland(!) jährlich im Müll landen. Die weggeworfen, entsorgt, vernichtet werden. Stelle ich mir plastisch also 18 Millionen Fiat 500 vor, jeder von diesen kleinen Cityflitzern wiegt ziemlich genau 1000 Kilo. Ein Bild. Eine unendliche Fläche aus Metall. Prägnant, klar und beeindruckend. Die verwandeln sich vor meinem geistigen Auge in Gemüse, Obst, Joghurt, Käse usw., die der Vernichtung zugeführt werden. Ein fürchterliches Bild, ein Schreckensszenario. Und doch Realität. Eine Realität, mit der sich freilich nicht jeder abfinden möchte. Einige von uns halten inne, hinterfragen ihren Umgang mit Lebensmitteln und verändern ihn gegebenenfalls. Kaufen bedarfsgerechter ein, verwerten Reste und werfen weniger in den Müll. Noch einen Schritt weiter gingen die beiden Studentinnen Caroline Kuhn und Franziska Schmitt, was uns zum heutigen Thema bringt.

Caro K. und Franziska S., genannt auch die „Olchis“ (aus Olching in Oberbayern) haben ‚containert‘. Diese schöne Vokabel beschreibt das Entwenden von Lebensmitteln aus Müllcontainern des Lebensmittelhandels. Freilich strafbar in Deutschland. Die beiden engagierten Damen wurden nach Klage des betroffenen Edeka-Marktes gerichtlich zu acht Stunden Sozialarbeit bei der „Tafel“ und einer Bewährungs-Geldstrafe verurteilt. Sind also Straftäterinnen. Weil das ihrem Gerechtigkeitsempfinden widersprach, legten sie Verfassungsbeschwerde ein, sind damit jedoch nun gescheitert. Per kleiner Notiz in der Fachpresse erfahren wir ganz aktuell:

„Die Entwendung von Lebensmitteln aus Müllcontainern bleibt strafbar. Das Bundesverfassungsgerichts hat am Dienstag zwei Verfassungsbeschwerden gegen die Verurteilung von „Containern“ als Diebstahl verworfen. „Der Gesetzgeber darf das Eigentum grundsätzlich auch an wirtschaftlich wertlosen Sachen strafrechtlich schützen“, heißt es zur Begründung vom höchsten deutschen Gericht. lz 34-20

Das oberste Deutschen Gericht hat die Klage der beiden streitbaren Studentinnen also abgeschmettert. Sie sind vergeblich mit der Idee angerannt, noch verwertbare Lebensmittel aus dem Müll zu retten und einer sinnvollen Verwertung zuzuführen.

Wie ordnen wir diesen Fall vor dem Hintergrund unseres Fachgebiets ein, wie gehen wir als Marketeers damit um? Nun, rein rechtlich betrachtet ist der Fall – s. Pressezitat – sonnenklar: Lebensmittel, auch solche, deren MHD überschritten ist, bleiben Eigentum des Supermarkts, selbst wenn sie sich dort im Abfallcontainer befinden. Werden sie entwendet, handelt es sich um eine Straftat. Nennen wir Rechtsprechung. Werden entsorgte Lebensmittel gerettet und verwertet, eventuell sogar Bedürftigen gespendet, finden wir das aber grundsätzlich nicht falsch, hier meldet sich unser Gerechtigkeitsempfinden. Zumindest meines. Für das Engagement und die Initiative der Studentinnen habe ich nicht nur Verständnis, ich finde das Vorgehen sogar sympathisch.

Anscheinend geht es auch Händlern so und einige haben bereits konkrete Schritte unternommen, um die Verschwendung und unnötige Vernichtung von Lebensmitteln einzudämmen. Ein Beispiel von vielen ist die Kaufmannsfamilie Hieber, die in ihren Märkten Maßnahmen umsetzt, um Artikel mit kritischem Haltbarkeitsdatum entweder noch zu verkaufen, oder – falls für die Fläche nicht mehr geeignet – zu spenden:

Signalstarke Hinweise in den Hieber-Märkten auf
Lebensmittel, die „gerettet“ werden können.
Unterschiedliche Maßnahmen tragen bei Edeka Hieber dazu bei, Lebensmittel vor der Entsorgung zu retten.



Weitere übergreifende Initiativen wie „to-good-to-go“ oder „zu-gut-für-die-Tonne“ versuchen, Konsumenten aufzuklären und die Lebensmittelverschwendung durch konkrete Kooperationen mit Herstellern und Händlern zu reduzieren. Wir erkennen: das Thema ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen und wird angesichts knapper Ressourcen zusehends wichtiger.

Fazit:
Als POS-Marketing-Profis haben wir bei der Planung und Umsetzung von Kampagnen meist die Steigerung von Absatzzahlen im Fokus. Es geht fast immer um „mehr“. Mehr Zweitplatzierungen, Promotion-Packungen, kaufende Haushalte etc. Das ist unter betriebswirtschaftlichen Aspekten richtig, um die Marktmechanismen in Gang zu halten. Um über ökonomisches Wachstum die Mittel für Investitionen, u. a. auch in Nachhaltigkeitsprojekte, bereit zu stellen. Angesichts der oben geschilderten Situation wäre es jedoch gerade in Warengruppen mit sensiblen MHD sinnvoll, sich bereits bei der Planung von Promotions (und auch davon unabhängig) Gedanken darüber zu machen, wie Aktionsartikel verwertet werden können, die nach Aktionsschluss übrig bleiben. Im Sinne einer nachhaltigen Vermarktung wäre es hilfreich – gemeinsam mit dem Handel – Konzepte zur Verwertung der Restware zu entwickeln und umzusetzen. Meint Ihr

gernot@ugw.de

Für alle, die sich mit dem Thema intensiver beschäftigen möchten, hier noch einige Links:

„Olchis“: http://olchiscontainern1.blogsport.de/

https://www.rundschau.de/artikel/lidl-aldi-alnatura-drei-ansaetze-gegen-lebensmittelverschwendung/

https://www.rundschau.de/artikel/nach-containern-urteil-ist-ein-wegwerf-verbot-in-sicht/