„Zukunft der City“ – der Innenstadt-Gipfel in Wiesbaden

Innenstadt-Gipfel – damit ist nicht die sehenswerte Spitze des Hausbergs unserer schönen Landeshauptstadt gemeint. Es geht um eine zweitägige Fachkonferenz im RheinMain Congress Center (RMCC) im Rahmen der Standortförderung rund ums Thema „Zukunft der Innenstadt“. Richtigerweise müsste es heißen, „Zukunft der Innenstädte“, denn die Wiesbadener Konferenz am 01. und 02. Juli ist als nationale Veranstaltung angelegt. Die organisierende Wirtschaftsförderung der Stadt begründet diese Ausrichtung damit, dass die Gemengelage in Blickrichtung City-Zukunft am Beispiel Wiesbadens auch für viele andere Städte relevant und von Interesse sein kann. Für die Umsetzung haben die Organisatoren ein hybrides Modell gewählt: Neben einem zahlenmäßig limitierten Live-Publikum vor Ort nimmt der Großteil der Zuschauer per Videoschalte teil.

# RevivalCity:
Plattform für Diskussionen und Referate
rund ums Thema Innenstadt.

Der Starttag gestern begann mit Begrüßungen von lokalen (Bürgermeister Dr. Franz) und nationalen (u. a. Prof. Dr. Braun – Chef des Kanzleramtes und Bundesminister für besondere Aufgaben) Honoratioren. Das Programm gliederte sich in acht Panels à 30-40 Minuten, die jeweils Fachbeiträge zu einem Schwerpunktthema rund um die Entwicklung der Innenstadt beinhalteten.
Fragen Sie sich nun, was dieses Thema in einem Blog zum POS-Marketing verloren hat? Wo ist der Bezug zur Vermarktung (von FMCG), welche Relevanz besitzt das Thema „Innenstadtentwicklung“ für Marketing und Vertrieb? Nun, für uns Vermarkter ist die Entwicklung der Innenstadt nicht zuletzt hinsichtlich Handelsinfrastruktur und Konsumverhalten interessant, weshalb ich insbesondere auf Panel 3 – „Handel ist Wandel – Die neue Rolle der Filialisten“ sehr gespannt war. Doch schon in den ersten Beiträgen war erkennbar, warum die Bedeutung der (größeren) Städte und insbesondere deren Stadtkerne über die Rolle als Shopping- und Gastromeile weit hinausgeht.

Städte gibt es länger als Staaten und die Gründe, warum es sie gibt, werden sich nicht ändern. Vor diesem gedanklichen Hintergrund zeigte Rainer Kern – Mitbegründer des Netzwerks „Global Parliament of Mayors“ auf, dass Städte, insbesondere Mega-Cities und Großstädte, schneller und direkter von aktuellen Entwicklungen betroffen sind als Regionen oder Staaten. Damit sind besonders die Bürgermeister mit Fragen zu Einwanderung, Sicherheit, Terrorismus oder Pandemien unmittelbarer konfrontiert als Landesminister oder Staatsregierungen. Von den Bürgern werden für diese Herausforderungen effektive Lösungen für die Stadt gefordert. Das weltweite Bürgermeister-Parlament versteht sich dabei als Netzwerk, das sich gegenseitig bei der Bewältigung dieser Herausforderungen hilft.

Gründe für die Führungsrolle durch (Big) Cities
Chart aus dem Vortrag von Rainer Kern.

Konkreter auf die Gefahr der Innenstadt-Verödung ging Stefan Müller-Schleipen – Geschäftsführer der Initiative „Die Stadtretter“ – ein. Wer innerhalb von einem Jahr seit Gründung von 0 auf 1000 Mitglieder kommt, weiß, wovon er spricht, wenn er mahnt, dass Städte schneller agieren müssen, um Initiativen zur (Wieder-) Belebung der Stadtkerne umzusetzen. Beispielsweise helfen die Stadtretter dabei, leerstehende Gebäude in der Innenstadt pragmatisch temporär – z. B: als Pop-up-Store oder Sportstätte – zu nutzen, bis eine neue Dauerlösung umgesetzt werden kann. Die lässt aufgrund administrativer und politischer Prozesse oft jahrelang auf sich warten.

Ziehen die City idealerweise gemeinsam
an einem Strang aus der Verödungsfalle:
Stakeholder bei Innenstadt-Fragen.

Wie es gelingen kann, leergefegte Innenstädte durch bauliche Maßnahmen zum Besuchermagneten zu machen, zeigte Jan Knikkers vom MVRDV aus Rotterdam auf. Die Gebäude und Stadt(viertel)-Planer verstehen sich als „City-Enabeler“ und werten mit ihren teilweise spektakulären Kreationen ehemals verödete oder brach liegende Standorte auf.

Visionär und von MVRDV geplant für 2023:
Begehbarer Innenstadthügel in Mannheim.

Die (grüne) Zukunft des Supermarkts illustrierte Jürgen Scheider – GF der Rewe-Region Mitte – am Beispiel des bereits in diesem Blog präsentierten Green Building Markts in Wiesbaden Erbenheim. Einige neue Ein- und Ausblicke gab es zu dem Konzept, das sich nicht (nur) als Leuchtturm-Projekt versteht, sondern vor allem eine Blaupause für viele weitere neue Märkte sein soll. So war zu erfahren, dass zahlreiche Lieferanten nicht via Zentrallager distribuieren, sondern ihre Ware direkt zum Outlet bringen. Einen Großteil – insbesondere des Frischesortiments – liefern lokale Erzeuger aus einem engen geografischen Radius rund um den Markt.

Beispielhaft: Food-Angebot im Rewe-Markt
von Lieferanten aus Wiesbaden und Umgebung.

Eine weitere interessante Information gab es hinsichtlich der Dach-Nutzung des Marktes. Anstelle der in Wiesbaden als „InFarm“ gebauten Gewächshäuser und Barschzuchtstationen können im ersten Stock Wohneinheiten eingezogen und darüber Grünflächen angelegt werden.

Die neue Rolle der Warenhäuser skizzierte Thomas Bollmeyer, u. a. verantwortlicher Leiter der beiden „Galeria“-Häuser (Ex-Kaufhof und Karstadt) in der Wiesbadener Fußgängerzone. Der allseits bekannten prekären Lage des ehemaligen Erfolgsmodells „Warenhaus“ begegnen die Betreiber mit folgenden Maßnahmen:

  • Bereitstellen der üppigen Verkaufsfläche als Bühne für Marken
  • Aufbau neuer Gastronomiekonzepte
  • Nutzung der Häuser als Event-Location
  • Präsentation neuer Trends (Fashion, Lifestyle…)
  • Etablierung der Rolle als innenstädtischer „Service-Hub“ mit u. a. städtischen Dienstleistungen, Paketstationen, Schuh-/Schlüsseldienst, Ticketservice etc.
  • Neue bzw. erweiterte Ressourcen für Mobilität (Car-Sharing, Bike-Parkhäuser und -Reparaturstationen, Ladestationen usw.)
  • Neues, helleres, freundlicheres und angenehmeres Einkaufsambiente
Bühne für Brands im neuen Galeria-Konzept.

Einen sehr interessanten Ausblick, wie ein heterogenes Zusammenspiel unterschiedlicher Nutzungszwecke in einem innerstädtischen Gebäude gelingen kann, bot Dominik Hofmann – Geschäftsführer vom „heimathafen Wiesbaden“. Das Projekt „Altes Gericht“ bringt im ehemaligen Justizgebäude Arbeit, Feiern, Treffen, Essen, Beratung und Betreuung unter ein gemeinsames Dach.

Fazit des Tages:
Künftig werden Innenstädte von hybriden Lebens- und Handelskonzepten geprägt sein. Nur damit lässt sich der Monokultur aus immer gleichen Angeboten internationaler Retailer- und Gastronomieketten und der damit einher gehenden Verödung der Stadtkerne begegnen. Nur im Zusammenspiel aller Marktteilnehmer wird es auch künftig noch lebendige, spannende Innenstädte geben. Ganz wichtig dabei: Die Bürger müssen sich aktiv an diesem Prozess beteiligen.